Freitag 24. März 2017



Dem Vergessen entrissen

DSC00567DSC00555Meine Mutter erzählte mir von jüdischen Nachbarn und deren Schicksal. Besonders betroffen machte mich die Geschichte der Geschwister Margot und Dora. Diese beiden „Halbjüdinnen“ wohnten im Nebenhaus, der Prenzlauer Promenade 178, in Pankow. Sie wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet. Ende Februar 1943 saß die „arische“ Großmutter, Marie Vandamme, auf der Schwelle des Hauses Prenzlauer Promenade 178 und weinte bitterlich. Sie erzählte meiner Mutter, dass ihre Enkel von der Arbeitsstelle abgeholt wurden. Margot, die am 22.09.1923 geboren war, musste in der Firma „Kurt Seidel“ in der Bülowstraße 66 arbeiten. Dora wurde am 23.12.1927 geboren und war bei „Zeiss Ikon“ in Zehlendorf beschäftigt. Sie kamen nie wieder zurück. So versuchte ich lange Zeit vergeblich, nach den Vandamme-Kindern zu recherchieren. Eines Tages kaufte ich mir das Buch „Jüdische Lebenswege“, der kürzlich verstorbenen Autorin Inge Lammel. Es beschreibt das Leben jüdischer Familien in Berlin Pankow. In der „Opferliste“ des Buches fand ich Margot und Dora, aus der Prenzlauer Promenade 178, allerdings unter dem Nachnamen Binasch und auch das Datum der Deportation. Beide Mädchen wurden mit dem 34. Osttransport, am 04.03.1943 nach Auschwitz gebracht und wenig später ermordet. Bei der Sichtung der Transportliste wurde auch die Irritation um die Namen Vandamme und Binasch geklärt. Dort steht unter dem Eintrag der Wohnadresse die Prenzlauer Promenade 178 und der Hinweis, bei Vandamme. Margot und Dora wohnten bei ihrer „arischen“ Großmutter, Marie Vandamme. Nun hatte ich genug Informationen, um zwei Stolpersteine zu initiieren. Ich suchte Hilfe und fand sie. Karin Dalhus, vom VVN-BdA, stellte einen Kontakt zur Stolpersteingruppe in Pankow her. Der Leiter dieser Gruppe, Herr Hochhuth, forschte auch und lud mich zu einer Sitzung der Stolpersteingruppe ein. Auch Dagmar Poetzsch, die Vorsitzende des DGB in Lichtenberg/Marzahn-Hellersdorf, beteiligte sich aktiv. Sie fand in einem Archiv die bisher einzigen schriftlichen Unterlagen, die mit Margot und Dora in Verbindung stehen. Es sind die „Vermögenserklärungen“ der beiden Mädchen vom 27. Und 28. Februar 1943. Daraus geht hervor, dass sie nichts besaßen, außer ihrer Kleidung. Besonders anrührend sind die jeweiligen Unterschriften von Margot und Dora. Sie mussten mit dem zusätzlichen Vornamen „Sara“ unterschreiben. Am 22. März 2017 war es dann so weit. Vor der Prenzlauer Promenade 178 wurden zwei Gedenksteine für Margot und Dora verlegt. Dort konnte ich auch einige Worte an die Gäste richten und übernahm gern die Finanzierung eines Stolpersteins. Ich freue mich über den Erfolg aller Bemühungen. Nie wieder darf das unbegreifliche geschehen. Eine ausgeprägte Erinnerungskultur ist wichtiger denn je.